Die Braut wusste, dass sie nicht hübsch war. Victor sah es ihren Gesten an: Immer wieder strich sie ihr kurzes Haar hinter die Ohren zurück und zerrte an ihrem Kleid herum. Bewegungen, die zu groß waren für den Zweck, zu eckig, selbst für diesen Tag. Dabei hatten sich alle Beteiligten ganz offensichtlich Mühe gegeben: die Limousine war groß und mit pinkfarbenen Rosen geschmückt, zwischen den Klicken der Fotoapparate entfaltete sich die nötige Aufregung und die Blumenkinder waren niedlich, auch noch als eines von ihnen selbstvergessen in der Nase popelte. Man trug Kleidung die, dem Anlass entsprechend, verkleidete. Ein erprobtes Stück, gern gespielt, passabel besetzte Rollen und doch – die Braut wusste Bescheid.
Victor saß seit einer halben Stunde vor dem Cafe gegenüber der Thomaskirche, mit der Morgenzeitung und einem Frühstück, dem großen, für 7,50 Euro. Dieser 12. März war kühl, aber ihm war nicht kalt, deshalb saß er als einziger Gast draußen.
Warum tun Sie das?, hätte er die Braut gern gefragt. Er hätte sie dabei etwas zur Seite genommen, an einem ihrer dünnen Arme, und seine Hand hätte sie für einen Moment gewärmt. Warum tun Sie das?, hätte er gefragt. Weil die meisten es irgendwann tun, hätte sie vielleicht geantwortet. Oder: Weil er mich gefragt hat. Oder: Warum nicht? Frage. Gegenfrage. Unbefriedigende Antworten.
Der Bräutigam hatte der Braut inzwischen sein Jackett umgelegt und führte sie in einer Umarmung, die eher eine Versiegelung war, in die Kirche. Auch die Ungläubigen brauchen Segnungen. Genau als die Tür hinter dem Letzten der Gefolgschaft geschlossen wurde, verdunkelte sich der Himmel. Die Wand aus Wasser stand direkt vor Victor. Das war kein Regen. Regen war anders. Jedenfalls hatte Victor ihn anders in Erinnerung. Als etwas, das sich ankündigt und dann näher kommt und einen umarmt, mit der Zärtlichkeit einer Frau, die in Eile ist. Victor sprang auf, riss gleichzeitig die Seite mit den Kontaktanzeigen aus der Zeitung, steckte die Seite ein, brachte 8,00 Euro zum Tresen und lief hinüber in das Bachmuseum. Seit acht Wochen war es nun schon eine Baustelle, und deshalb nur als eine Art Tonkammer zu besichtigen. Eintrittsfrei. Er ließ sich in einem der roten Sofas nieder, setzte sich die installierten Kopfhörer auf und nickte einmal kurz zu einem der Poster rüber, die das Porträt des Musikers zeigten. Dann regelte Victor die Lautstärke hoch und ließ den Motettenchorsatz  seine Wirkung entfalten. Über den Gehörgang, durch das Trommelfell, mittels Nervus akkustikus in das Hörzentrum des Gehirns, und von dort, unter Umgehung des Herzens, direkt in seinen Bauch.  Beim Jubilate drehte er den Ton noch lauter, bis aus der Musik Schmerz wurde. Zwanzig Minuten später trat er wieder auf den Platz.
Der Regen war fort und hatte ein paar Pfützen und einen menschenleeren Platz zurück gelassen. Nur das Paar stand dort, und der Bräutigam küsste die unhübsche Braut. Vielleicht ist nicht die Frau der Betrug, dachte Victor. Vielleicht ist es diese Tatsache an sich: der Anspruch auf Zugehörigkeit. Vielleicht ist es, weil dieser Tag falsch ist: Regen, der ein Überfall ist, Musik, die nichts ändert; zu große Gesten, zu große Erwartungen für einfache Tage. Victor spürte endlich, dass er müde wurde. Er ging zum Parkplatz und fuhr nach Hase, um zu schlafen.