Marion Skepenat                                                 Überwintern in Skagen                                                      Romanauszug

Teil I

 

Vom Ende her

Ich wählte drei nebeneinanderliegende Grabstellen aus.

„Alle drei?“, fragte die Dame von der Friedhofsverwaltung.

„Ja. Autismus-Spektrum-Störung. Die Verstorbene würde unmittelbare Nachbarn nicht ertragen. Ist das ein Problem?“

„Nicht, wenn Sie bezahlen können. Aber wie wäre es denn anonym, mit der Streublumenwiese?“

Das hätte meinem Ordnungssinn widersprochen. Ich verneinte, bezahlte per Karte die Liegegebühren für zwanzig Jahre und steckte einen Geldschein in das strategisch günstig platzierte Danke-Sparschwein. Weder den Hang zum Totenkult noch zur Großzügigkeit hätte ich jemandem oder mir erklären können.

„Wie tief unter den Grabstellen liegt denn die nächste Schicht von Toten? Ich meine, wann war die letzte Einebnung?“

„Da müsste ich mich kundig machen“, bedauerte die Friedhofsfrau, „ich bin nur die Vertretung. Eigentlich gehöre ich zum netteren Ende der kommunalen Verwaltung. Standesamt, verstehen Sie.“ Bevor sie weitersprach, senkte sie die Stimme. „Worüber man aber redet, worüber man hier redet, ist, dass die Leichen gar nicht mehr verrotten. Es soll an den Konservierungsstoffen liegen, im Essen, in der Kosmetik, verstehen Sie. Die Würmer gehen da nicht ran, an die Konservierungsstoffe. Da wollen die Spatenjungs also nach zwanzig Jahren die Grabstelle auflösen und die Leiche ist noch da. Mit allem drum und dran, nur ein wenig trockengeschrumpft, verstehen Sie. Unappetitlich finde ich das.“

Und ich erst. Meine Berührungsängste bekamen neue Nahrung. Tröstend jedoch war die Lage der Gräber: Südseite, direkt an der strahlend weißen Mauer. Ein Platz wie für die Ewigkeit gemacht.

 

In der Friedhofsgärtnerei dauerte es weitläufige Zeit, bis ich mich zum Chef durchgefragt hatte. Dann stand mir ein enttäuschend junger Mann gegenüber. Ich redete nachdrücklich von einer Hortensie in vornehmer Blässe. Ich redete vom schlichten Weiß der Friedhofsmauer, vom Hang zur Übertreibung seitens der Verstorbenen, von ihrer Eleganz, von ihren Ansprüchen. Ich benutzte Adjektive und meine Hände.

„Verstehe“, sagte der Mann und säte friedhofsgärtnerische Ruhe zwischen seine Sätze. „Gute Idee ... Allerdings – dann brauchen wir Schatten.“ Er schaute zu Boden und fuhr geharkte Rillen mit seiner Schuhspitze nach. „Die Constanze, das müsste gehen. Wuchert schnell, braucht so gut wie keinen Schnitt. Da hätten wir Schatten für die Hortensie.“

Ich nickte, spürte, es waren noch Worte in ihm übrig.

„Und von wegen Eleganz ... da nehmen wir ein Rankgitter, kriegen wir auch ganz übertrieben hin. Ansonsten weiße Steine, unregelmäßig in Form und Größe. Meine ich, jedenfalls.“

So jung war der Gärtner unter Makrosicht gar nicht. Mein Blick wurde zur Seite abgelenkt, dort stand ein Eimer voller Nelken. „Wer traut sich denn das noch?“

„Du hast ja keine Vorstellung.“ Der Gärtner lachte, nun doch wieder Junge. „Wir haben auch Glitterspray in allen Farben und goldene Ziffern. Die Nachfrage bestimmt das Angebot.“

Ich bedauerte ihn wegen seiner Kunden, vergab ihm das distanzlose Du, unterschrieb und bezahlte einen Pflegevertrag für fünf Jahre. Wieder eine Zahl, die sich nicht begründen ließ.

„Vielleicht brauchen wir noch einen Herbstaspekt“, grübelte der Gärtner.

Vollständig von seiner Kreativität und Umsichtigkeit überzeugt, ließ ich ihn mit seinen weiteren Überlegungen allein.

 

Der vom Gärtner empfohlene Steinmetz erwies sich als ebenso tüchtig. Klein, kompetent, erfüllt von Sendungsbewusstsein. Mit Bestimmtheit erriet er, was mir lediglich vage vorgeschwebt hatte. Wir entschieden uns für einen flachen, stumpfen Stein, ebenfalls in einem unregelmäßigen Weiß. Die Inschrift sollte neben den beiden äußeren Eckzahlen, nur den Nachnahmen der Verstorbenen enthalten. Dazu einen Vers über die Schönheit der Welt und die Größe Gottes aus einer Koranübersetzung von Friedrich Rückert.

„Und Sie sind ganz sicher wegen des Sterbedatums?“, vergewisserte sich der Steinmetz.

„Ganz sicher.“

 

Als erste wirkliche Herausforderung erwies sich das Organisieren des künstlerischen Rahmenprogramms.

„Ihre preisliche Vorstellung ist mehr als großzügig“, sagte der Mann am anderen Ende der Leitung, „aber die Kalenderwoche passt gar nicht. Offen gestanden, planen wir in Jahren. Und Ort und Anlass ... es ist eher ungewöhnlich ... Wer war noch mal die wichtige Persönlichkeit?“

„Es muss ja nicht der ganze Chor sein. Geben sie mir zwölf Knaben, wenigstens neun.“

„Meine liebe Frau, Mozarts Requiem wäre selbst mit fünfundzwanzig Stimmen künstlerisch nicht zu vertreten. Wir sind der Kreuzchor.“

Als wenn es hier um Kunst ginge. Es ging um eine Seele und um die Lieblichkeit von Knabensopranen. „Bitte, die Verstorbene braucht jede Unterstützung. Damit ihre Seele die Erde-Himmels-Schranke überwinden kann, falls das bei einer so ... einer so speziellen Seele überhaupt möglich ist. Es wäre doch nur ein Nachmittag, vielleicht eine Probe, die ausfällt. Sagen wir neun, ja? Neun Sänger können sie bestimmt entbehren.“

„Es geht um unseren Ruf.“

„Mein finanzielles Angebot schließt eine eventuelle Rufschädigung mit ein. Neun Knaben für einen göttlichen Abgesang.“

Bei sieben rührte sich gar nichts, bei fünf wurden wir uns einig.

„Ein Novum“, jammerte mein Geschäftspartner, „ein Novum.“

Bevor der gute Mann es sich anders überlegen konnte, druckte ich die Fahrkarten für die Sänger und deren Betreuer aus, zeichnete auf dem Stadtplan den Weg zum Friedhof ein und unterschrieb die Schecks. Das Ganze ging per Eilkurier nach Dresden.

Ab jetzt hatte ich ein Beerdigungsdatum. In sechzehn Tagen.

Am späten Nachmittag traf ich mich mit Dr. Carstens, unserem Familienanwalt. Das Testament begünstigte zu annähernd gleichen Teilen die Kirche der Vereinten Abrahamitischen Religionen und eine Widerstandsgruppe gegen die Kunstkontrolle. Die Stiftung wiederum würde sich auch weiterhin um die Altersvorsorge armer Poeten kümmern. Daniel überschrieb ich die Wohnung, den Kredit für sein Restaurant wandelte ich in eine Schenkung um.

 

Nach Liegeplätzen, Blumen, Steinen, Musik und Advokatendingen blieb der Sonntag dem Religiösen vorbehalten. Von der Kühle des Seitenschiffes aus folgte ich der Predigt. Die schneewittchenhafte Pastorin war eher für ihre Gemeindearbeit bekannt als für ihre Kanzelkompetenz. In tapferen Gegenwartsbezügen versuchte sie, den heutigen Predigttext zu entfalten. Ganz offensichtlich prangerten die Johannesoffenbarungen das Empathievermögen meiner Verstorbenen an. Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest!

Ich drückte mich vor dem Abendmahl und fing die Pastorin später am Ausgang ab. Überrascht aufschauend nahm sie den verschlossenen Umschlag entgegen. Ihr schwarzes Haar erdrückte das blasse Gesicht, in den hellen Augen saß mehr Vernunft als Missionarswille.

„Nur eine Beerdigung“, sagte ich. „Die Sänger melden sich bei Ihnen. Beerdigungstag und gewünschter Andachtstext sind mit dabei. Lebenslauf ebenfalls.“ Ich unterschlug die vorgenommenen Bereinigungen an letzterem, Bleiche gegen Blutflecke.

„Aber wir müssen reden“, sagte Schneewittchen.

„Ich nicht.“

 

Von der Michaeliskirche ging ich direkt zur Teufelsaustreibung. Sicher war sicher. Ich benutzte zwei junge Männer für den Exorzismus und die gleiche Technik, die damals bei der Inbesitznahme erfolgreich war: sexuelle Gewalt. Und dann nutzte ich Sepia und Sulfur in homöopathischen Dosen. Und Blutegel, hirudo medicinalis, das ursprüngliche Tier am Äskulapstab. Ich hoffte inständig, es würde etwas nutzen.

 

Und dann war der Abend da, mein letzter in Deutschland. Ein Sommergewitter hatte sich am Fernsehturm verfangen, willkommene meteorologische Unterstützung für die dramatische Ausleuchtung der Schreibtischszene. Denn es war eine Sache, ein passables Begräbnis darzustellen - abhängig von den Begleitumständen des Ablebens konnte man das durchaus lebensbejahend gestalten -, eine viel heiklere war es, einem Suizid Würde und Unabdingbarkeit zu verleihen. Umgebung und Equipment (die Wahl der Waffen!) galt es zu berücksichtigen, schließlich sollte auch der Tod eine gewisse Ästhetik aufzeigen. Ein Suizid musste gekonnt sein, hier drohte die Schmach des Zuviel - was unter Umständen Pathos erzeugte - und des Zuwenig - was zum Versagen wichtiger Organe bei gleichzeitiger Lebenserhaltung führte. Im Überleben bestand die größte Gefahr, damit schädigte man sein Image endgültig. Und ich musste ja nicht nur mich töten, ich trug ebenso die Verantwortung für den Tod der Anderen-in-mir, der lästigen Kursivschrift meines Lebens, der frauenromantischen Stimme in meinem Kopf. Damit handelte es sich schon um einen erweiterten Suizid. Und da es mir gelingen musste, auch die sarkastischen Gegenstimmen meiner Ahnfrauen zum Verstummen zu bringen, würde meine Tat letztlich die Merkmale eines Selbstmordattentates aufweisen. Es wurde zum Ende hin nicht einfacher, eine multiple Persönlichkeit zu sein.  

Den Abschiedsbrief also auf schlichtem weißem Papier, die Flüssigtinte blau. Und dann frei heraus mit Schuldzuweisungen, Freisprechungen, tiefsinnigen, zynischen Gedanken, Kitsch und - bevor er Unwohlsein verursachte - seiner ironischen Brechung. Anfangs verfing ich mich in Selbstmitleid, stellte mich als die Betrogene dar, von Daniel (pragmatische Ebene), vom Leben an sich (symbolische Ebene); dann aber kam ich in Schwung, erlaubte mir Poesie, metapherte ein wenig. Fand das Bild der Feuerqualle für mich: schön-schwebend, wenig echte Substanz, gefährlich bei Berührung.

Langsam fuhr ich mit der Zunge über den Kleberand des gefütterten Umschlags, machte ihn zu, und drückte ihn noch einen Moment zwischen meinen Händen, bevor ich ihn umdrehte, um den Adressaten aufzuschreiben. Mein Füllfederhalter verharrte über dem Papier. Es gab niemanden. Ich setzte mich auf meinem Stuhl zurück, ging gedanklich meine Kontakte durch, erstellte eine Longlist, reduzierte auf eine Shortlist, filterte drei Personen heraus und strich diese schließlich auch durch. Schrieb N. N. auf den Umschlag.

Spielte dann Varianten meiner Todesanzeige durch. Wer war ich? Und wie ließ sich das öffentlichkeitswirksam formulieren? Wie lautete mein Vorname, wie riefen mich meine Eltern? Zu lange her, zu oft durch Pseudonyme überschrieben. Für diesen Anlass galt nur Ehrlichkeit.

Graf

Geburtsdatum            Sterbedatum

Dein ist der Tag, dein ist auch die Nacht. Psalm 74, 16

Beerdigungstag + Uhrzeit. Bitte keine Nelken.

 

Ich las den Entwurf laut und hörte das Bedeutungsgewaber, die Maskulinität, das abgeschaffte Adelsregister. Frau Graf wiederum hörte sich nach Lesezirkel-Abonnentin an. Die Gräfin - eindeutig Groschenroman. Das bleibt jetzt so, dachte ich.

Ich dachte es trotzig ein zweites Mal, als das Telefon klingelte.

Jibril der Sanfte atmete auf seine unnachahmliche Weise am anderen Ende. „Probleme, Gräfin?“

„Nicht mehr als sonst.“

„Du weißt, dass wir dich brauchen.“ Jibril konnte den Wind spüren, bevor der sich erhob.

„Aber manchmal wird etwas unbrauchbar.“

Darauf wusste selbst Jibril nichts zu erwidern.

„Wie wird es weitergehen, Jibril?“, fragte ich in sein Denken und Zögern hinein.

„Mit der Organisation? Mit der Evakuierung des Louvre nach Alhambra?“

„Nein. Nein, allgemeiner, meine ich.“

„Gräfin, ich bin Wissenschaftler, kein Wahrsager. Wir sind mal wieder dran, würde ich denken. Gesetzmäßig mal wieder, nach der Zeit, die ihr Mittelalter nennt und wir die arabische Hochkulturepoche.“

„Die Mathematik, meinst du.“

„Auch die Mathematik, arabische Ziffern, aber auch die Medizin. Wir haben damals die Welt verändert, ihr habt Hexen verbrannt. Wir werden die Welt erneut voranbringen. Das Schachspiel, Gräfin, denk nur an das Schachspiel - das Spiel der Könige. Wir sind einfach wieder mal dran, Gräfin. Das sind Gesetzmäßigkeiten. Aber was ist nun mit dir, sag schon, was ist los?“ 

„Nichts ... nichts ist los. Eher das Gegenteil. Alles ist bedeutungslos. Da du aber gerade am Telefon bist, Jibril ... du könntest mir einen Gefallen tun.“

Schweigen am anderen Ende, abwartend, Zeit und überlegene Position besitzend.

„Ich möchte die Organisation nur bitten, einen Pilz in die Nelkenpopulation zu schleusen. Müsste aber global zum Einsatz kommen.“

„Nelken wie Blumen? Nelken wie Synonym für ... was?“

„Nelken sind keine Blumen, Jibril. Nelken sind geschmacklich und politisch ausgereizt.“

„Na dann. Du bist verrückt, Gräfin. Aber deshalb ist dein Gehirn auch so ... deine Kurzschlüsse sind sehr wertvoll für die Organisation. Wir werden uns um die Nelken kümmern. Du kümmerst dich um dich, das kannst du doch in der Regel ganz gut.“

Ich antwortete nicht. Er sagte nichts mehr. Wir schwiegen über seitenlange Repliken vor uns hin, geistig und durch Glasfasernetze miteinander verbunden.

„Der Einzige möge es richten“, sagte Jibril schließlich und legte auf.

  

Der letzte Montag im September, ich machte mich auf den Weg zum Ort der Inszenierung. Daniels Abschiedskuss war eine Enttäuschung. Selbst unter dem Gesichtspunkt, dass wir mittlerweile in einem Dienstverhältnis zueinander standen. Ganz offensichtlich war er nicht mehr mein Regenmann - er roch und schmeckte nach Beliebigkeit, war eindeutig ein zu schwacher Gegenspieler, egal, wie geschickt er mich über Monate getäuscht hatte.

Ich reiste mit kleinem Gepäck, unabhängig und beweglich. Meinen Organspenderausweis hatte ich dabei, wieder ein Warum, welches sich nicht erklären ließ: Mein Körper würde unbrauchbar sein, wenn man mich fand. Dabei wäre er spannend gewesen, der Test, ob Zellen tatsächlich Fragmente einer Persönlichkeit speicherten. Ich, erst in Organe zerlegt, dann verstreut ersetzt – was für ein belebendes Chaos hätte ich anrichten können.

Neben wenig Kleidung, Kosmetikbedarf in Probegrößen, zwei Büchern von einst gefeierten, inzwischen geschmähten männlichen Geistesgrößen, einer Schneekugel mit der Kleinen Meerjungfrau und besagtem Spenderausweis, führte ich mein Waffenarsenal mit mir. Dem Darknet sei Dank. Frauenfeige waren da zum einen Schlafmittel, die übliche Palette hoch und runter, zum anderen Insulin, das Mittel der Wahl unter lebensmüden Ärzten. Ich würde mich dann entscheiden. Ich fuhr und wollte nicht fort und wollte nicht ankommen, wollte nur reisen, um der Reise willen.

Und deshalb war ich viel zu plötzlich da. Jütlands Himmel lag auf dem blinden Tablett des Fjordes. Skagens Licht - das Licht der Impressionisten und der melancholischen Frauen – tat sein Bestes.

Es füllte mein Auto, dieses Licht, interpretationsoffen, weichzeichnend, seufzerprovozierend (die von mittlerer Schwere), stimmte mich bereits ein, auf die letzten Tage, die da kommen sollten, an deren Ende ich konsequent und mit dem mir eigenen Pathos enden würde.

Und genau an dieser Stelle erwachte mein Unterbewusstsein, das fast schon Erwartete geschah.

Eine Fuge ließ die Gegenwart abreißen. Die gefürchtete Rückblende. So sehr sich mein Verstand auch bemühte, seinen gefalteten Umhang über die Emotionen meines Mittelhirns zu legen - sie übernahmen, schufen eine Zeitdehnung und packten Stunden plus Tage hinein, summierten so lange, bis schließlich die letzten zwölf Monate noch einmal in mir abliefen und ich erneut die ungewöhnliche Hitze jenes Spätsommers spürte und den Überdruss, der mir die Atemwege verklebte. Der Tag an dem ich Daniel kennenlernte, wollte sich manifestieren. Noch stärker aber war eine ältere Geschichte. Meine Gedanken fielen jahrzehntetief.

 

Vor dem Anfang, ein Ammenmärchen

Krötenaugen, dachte die Hebamme. Eigenartig. Wieder war sie die Erste, nahm einen vom Leben noch nicht geschliffenen Menschen in Empfang. Sie fühlte sich privilegiert, immer noch, nach so vielen Jahren. Das Neugeborene sah sie prüfend an, die Lippen weiß und fest verschlossen.

„Atme. Komm schon, atme.“

Sie rieb das Brustbein, hängte das Neugeborene über Kopf, klapste auf seinen Po. „Du musst atmen. Hab dich nicht so. Atme. Komm schon. Du bist jetzt hier und musst hier durch. Wir alle müssen das. Atme.“

Gerade als sie nach dem Arzt klingeln wollte, passierte es. Das Neugeborene stieß einen einzigen, katzenartigen Schrei aus, eine Mischung aus Verärgerung und Überraschung, dann fand sein Atem einen Rhythmus, während sein Herz hektisch versuchte, die verlorenen Sekunden nachzuholen - bis es sich schließlich beruhigte und ratenvariabel der lebenslangen Auseinandersetzung mit Sehnsüchten entgegenklopfte. Die Augen weit geöffnet, vergaß das Neugeborene die Welt, aus der es kam, und betrachtete weitsichtig diese neue Welt.

Als die Hebamme das jetzt rosige, stumme Kind weiterversorgte, fühlte sie sich überwacht, unter dem eigenartigen Blick. Krötenaugen, was die Gene manchmal so würfeln, dachte sie und legte das Menschenbündel in den Arm seiner Mutter.

Bernsteinaugen, dachte die Mutter. Und lächelte unter der Erschöpfung. Denn die Bernsteinfarbe war in ihrer Familie ein Zeichen. Soweit die Überlieferungen zurückreichten, wurde von ihm berichtet: dem einen Mädchen in jeder Generation mit diesen Augen, mit dem Irisleuchten zwischen Grün und Braun und Gold. Als Spönkieker galten diese Mädchen, der Geisterwelt verpflichtet und von ihr beschützt.

Die Überlieferungen wussten nichts von der Mutation auf dem genetischen Code der Bernsteinfrauen. Durch ihn verband ihre Linie einen unbequemen Charakter und zwei verinnerlichte Weisungen. Suche dir Menschen, die dir dienen, lautete die eine. Sei so, wie du sein möchtest, die andere. Und so, wie die erste Weisung dazu einlud, an den Ufern der Bequemlichkeit zu treiben, sorgte die zweite immer wieder für Sackgassen in Biografien. Als Huren, Heilerinnen, Hexen, Hüterinnen, Heilige lebten die Bernsteinfrauen. Wurden verbannt und verbrannt, trugen Namen, die nur geflüstert wurden. Im Leben scheiterten sie, in der Geisterwelt waren sie rachsüchtige Wesen, die durch Spiegel, Zeiten und Räume wechseln konnten.

„Jemand sollte dir einen Namen geben, Bernsteinkind“, sagte die Mutter. „Jemand sollte dir einen Namen geben und dich lieben.“

Es war die Großmutter, die dem Mädchen dann einen Namen gab. Einen Namen und eine dritte Weisung: „Keine Fisimatenten.“

 

In den nächsten Jahren kämpfte das Mädchen gegen den Schlaf und die Lügen.

„Du musst nicht schlafen“, sagten die Erwachsenen zur Mittagsstunde, „nur ausruhen“.

Und das ruhende Kind spürte, wie der Schlaf näherkroch und ihm Augen und Ohren verklebte. In der Schwebe jener Mittagsstunden traten Frauen aus dem Spiegel, sie riefen nach ihm, kitzelten es, verfilzten seine Haare, spielten mit seinen Puppen, verwandelten sich in Schmetterlingsköniginnen, gähnten und versteckten einzelne Socken, bevor sie wieder durch den Spiegel verschwanden. Dann erwachte das Kind, und der Tag hatte einen Sprung getan.

„Du musst keine Angst im Dunkeln haben“, sagten die Erwachsenen am Abend, und das Kind fürchtete sich. Dann kamen die Frauen als Traumzeichnerinnen, und auf ihren Gewändern und in ihrem Haar leuchteten Glühwürmchen. In Vollmondnächten wiederum, wenn die Schatten der Bäume und die Umrisse der Monster über die Wände und das Gesicht des Kindes glitten, tanzten die Frauen mit bloßen Füßen kichernde Reigen in seinem Zimmer. „Du musst Besuchern immer schön die Hand geben“, sagten die Erwachsenen. Doch das Kind sprang die Besucher immer unschön an, legte seine Hände auf fremde Gesichter und wusste nach wenigen Atemzügen, wen es mochte und wen nicht.

„Da ist doch niemand“, sagten die Erwachsenen, wenn das Kind mit den Spiegelgeherinnen in einer eigenen Sprache redete. Dann legten Bernsteinkind und Bernsteinfrauen zeitgleich ihre Zeigefinger auf die Lippen.

Sie sagten viel, die Erwachsenen. Starr die Leute nicht immer so an. Du darfst den Leuten nicht ins Gesicht fassen. Du musst teilen. Natürlich darf jemand neben dir sitzen. Du musst auch mal rausgehen. Die anderen Kinder sind doch nett.

Nach seinem vierten Geburtstag konnte das Mädchen den Bitten schließlich nachkommen. Seinem Verstand gelang es, die Phantasie einzudämmen. Räume bekamen undurchlässige Wände, die Zeit bewegte sich nur noch vorwärts. Das Mädchen beschloss, nicht mehr zu weinen. Auch nicht im Dunkeln. Es beschloss, rasch erwachsen zu werden.

Friedlich und mit sich selbst beschäftigt, zog es fortan wenig Aufmerksamkeit auf sich. Seine Kindheit wurde zum Transitraum - ohne Bedeutung, voller Langeweile. Manchmal jedoch, ganz selten nur, waren da Schatten im Spiegel und Mahnungen in seinem Kopf. Die Nächte brachten Geschichten.

Und immer wieder verschwanden einzelne Socken.